Artikel zu Niklas Luhmanns "Zettelkasten" bei Heise.de

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Artikel zu Niklas Luhmanns "Zettelkasten" bei Heise.de

Beitragvon Eva Mertens » Mo 18. Dez 2017, 09:11

Detlef Borchers schrieb am 17.12.2017 einen interessanten Artikel auf der Plattform des Heise Verlags mit dem Titel: "Missing Link: Wenn der Kasten denkt - Niklas Luhmann und die Folgen" [Link: https://www.heise.de/newsticker/meldung ... 19843.html]

[Sorry English readers, but the following content will be not translate, because the article, which based on, is also written in German language]

Dieser Artikel birgt aus meiner Sicht einige Dinge, mit denen ich so nicht konform gehen konnte und einige Dinge, die ich schlichtweg für falsch halte. Daher habe ich eine Erwiderung geschrieben, die ich hier auch einmal einstellen möchte. Vielleicht möchte ja auch jemand mit mir auch per Mail diskutieren. Man erreicht mich über die Homepage.


Ich kann den Ausführungen hier nur in Teilen folgen. Da fehlt mir zu viel und vor allen Dingen kann ich dem einen oder anderen Gedankengang unter Berücksichtigung von Luhmanns Ausführungen so nicht zustimmen. Ganz zu Beginn wird folgendes Zitat von Norbert Bolz aufgegriffen:

"Niklas Luhmann wäre demnach kein genialer Autor, sondern ein Computer, der selektiert und kombiniert. Wissenschaftliche Verdienste seien in Wahrheit Zufälle. In Entdeckern und Erfindern walte nicht der Forschergeist, sondern eine 'Zufallssortiermaschine'".

Doch das wäre er selbst dann. Denn sein Zettelkasten ist zwar sein Gedächtnis, aber noch lange nicht sein Geist. Ein Computer kann nicht aus einer Vielzahl von Informationen Wahrnehmungen in Kontexte umsetzen, weil er keine Wahrnehmung hat. Ein Computer kann nur die Kontextbildungen durchführen, die ihm vorher als Algorithmen eingeimpft/einprogrammiert wurden. Niclas Luhmann aber hat seinen Zettelkasten genommen und je nachdem, was er gerade beobachtet oder gedacht hat, sich die jeweilige Information entnommen und teilweise komplett neue Gedankengänge entwickelt, alte dafür verworfen und ganze Gebäude immer wieder neu aufgebaut. So weit ist ein Computer heute nicht. Es bleibt das Verdienst des Genies, eben dies zu tun.
Was mir bei den Erläuterungen auch etwas zu kurz kommt, ich aber für wesentlich halte, ist der zirkuläre Charakter seiner Theorie. Dies ist aber ebenfalls ein Merkmal, dem ein Computer gar nicht gerecht werden könnte. Alles baut aufeinander auf, alles bedingt sich gegenseitig, nichts darf, will man dem Gedankengebäude der Theorie gerecht werden, unberücksichtigt bleiben. So fehlt mir der Differenzgedanke, der von zentraler Bedeutung ist. Er ist der Aspekt der Wahrnehmung, denn nur die Differenzen sind das, was das System verarbeitet. Wenn ich also folgendes als Zitat einmal unter diesem Aspekt aufgreife,

"Informationen lassen sich nicht wiederholen, sie werden, sobald sie Ereignis werden, zur Nichtinformation. /.../ Das System führt ständig seinen eigenen Output , nämlich Bekanntheit von Sachverhalten, in das System wieder ein, und zwar auf der Negativseite des Codes, als Nichtinformation; und es zwingt sich dadurch selbst, ständig für neue Informationen zu sorgen."

so ergibt sich ein völlig anderes Bild. Die Nicht-Informationen sind lediglich das, was bekannt ist und daher nicht mehr berücksichtigt werden muss. Nicht-Informationen sind demnach keine Informationen, die weg sind, sondern lediglich solche, die bereits bekannt sind. Sie werden erst dann wieder aufgegriffen, wenn sie durch eine Kontextbildung als neu bewertet werden müssen, also als Differenz zu dem, was als bekannt gewertet wurde. Dann können auch Nicht-Informationen wieder zu Informationen, d. h. zur Differenz werden. Das System muss also nicht für neue Informationen sorgen, sondern für Differenzen und auch dies eigentlich nicht, denn das ist die Aufgabe der Kommunikation. Die Kommunikation bzw. die Anschlusskommunikation ist das, was das System am Leben erhält. Hieraus ergibt sich, dass die Autopoiesis sich zum einen aus der Anschlusskommunikation bedingt, sowie aus den Dingen, die aus dem Externen eines Systems bezogen werden muss. Dieses Externe wird über Elemente der strukturellen Kopplung bezogen, die beide Sprachen/Codes der beteiligten Systeme kennen und so als Dolmetscher fungieren können. Die Codes selbst können gar nichts leisten als die Kommunikation zu ermöglichen. Sie sind die Brücke zwischen dem Verstehen und Nicht-Verstehen. Wenn ich nun folgende Aussage nehme,

„In diesem Sinne haben die Funktionssysteme der Gesellschaft auch wenig Möglichkeiten, auf andere Systeme einzuwirken. Die Politik hat so zum Beispiel wenig Einfluss auf die Wirtschaft, die Medien wenig auf die Politik usw.“

kann ich nur widersprechen, denn genau dafür sind diese Elemente der strukturellen Kopplung da. Diese Elemente gibt es praktisch immer und überall, weil ansonsten das System sterben würde, da es zu keiner Anschlusskommunikation und damit auch zu keiner Autopoiesis käme. Diese Elemente können jedoch über Differenzen in der Wahrnehmung sowie daraus reduzierende Kommunikation und Anschlusskommunikation zu Veränderungen in der Wahrnehmung der Systeme sorgen, ggf. zu einer Annäherung, einer Gleichschaltung, aber auch genau zum Gegenteil, also einer Abwendung oder Abschottung führen. Alles ist möglich, wenn die Systeme miteinander auf dieser Ebene interagieren. Wir erleben dies permanent unter Szenenkonstrukten. Es spalten sich Szenen voneinander ab, wie dies die Gothics, Emos, Straigt Edge von den Punks (direkt oder indirekt) getan haben oder sie emanzipieren sich wie dies die Cosplayszene von der Manga- und Animeszene oder letztere von der Japanszene getan haben. Auch ein gutes Beispiel sind Szenen wie Street Art oder Graffiti, die sich abschotten und gerade diese bewusste Abschottung in beide Richtung Beeinflussungen hervorruft. Dies könnte aber nicht geschehen, wenn es nicht eine Vielzahl an Elementen der strukturellen Kopplung gäbe, die Verbindungen aufrecht erhalten und dadurch gegenseitige Beeinflussungen möglich machen und diese auch bewirken.
Mag auch Niclas Luhmann in seinen Ausführungen davon gesprochen haben, dass die hierbei verwendeten Codes nur singuläre Erscheinungsformen in den jeweiligen Systemen sind, so würde er unter den heutigen Verhältnissen vermutlich zustimmen, dass es in einigen Systemen sogar zu multiplen Codes kommen kann. Ein Bespiel hierfür wäre zum Beispiel das Wirtschaftssystem. Es existiert nicht nur der im Artikel aufgeführte Code „Geld/Kein Geld“, sondern auch mindestens noch der „Gewinn/kein Gewinn“. Dies bedingt im Wirtschaftssystem der Neoliberalismus. Dieser geht schon längst über das einfache Geldhaben als Ziel hinaus. Denn wenn es nur darum ginge, käme es nicht bei steigernden Gewinnen und Umsätzen zu Massenentlassungen. Nein, es geht darum die Gewinnmaximierung herzustellen und wenn es auch nur wenige Prozent sind. Damit hat das System aber mindestens zwei Codes, wobei man bestimmt noch weitere finden kann. Man muss heutzutage also immer davon ausgehen, dass ein System je nach Komplexitätsgrad einen oder mehrere Codes für sich definiert. Daneben aber gibt es noch Unter-Codes, die sich aus den Fragestellungen ergeben, mit denen man an das System herantritt.
Definitiv halt ich aber folgende Aussage für falsch: „Solche systemtheoretischen Unterscheidungen gibt es für viele Systeme.“ Denn nach Luhmann gibt es solche binären Codes für JEDES System, man muss sie halt nur entdecken.

Aber ich gebe dem Autoren insofern Recht, also Niclas Luhmanns Theorie heute vermutlich noch viel aktueller und relevanter ist, als sie es zu Lebzeiten des Wissenschaftlers war.


Die Shorturl für dieses Thema: http://an-ma.eu/e-mwc

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